Buch zwischen
Zwischen Gesetz und Gewissen
Die Polizei und die Demontage der Reichswerke in Salzgitter 1950

In seiner Erstveröffentlichung debütiert der Freundeskreis Braunschweiger Polizeigeschichte mit einer Studie, die sich mit den Ereignissen während der Demontage der Reichswerke in Salzgitter im Jahre 1950 befasst. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Rolle der Polizei, deren unerschrockenes Verhalten mit dazu beigetragen hat, dass die Arbeitsplätze erhalten und die Auseinandersetzungen mit der britischen Militärmacht friedlich beigelegt werden konnten.

Vier Autoren aus dem Arbeitsfeld Polizei, Erich Bünte, Hans-Hermann Deter, Helmut Dohr und Volker Dowidat, haben diese Ereignisse untersucht und in kriminalistischer Kleinarbeit auch deren Hintergründe ausgeleuchtet. Bei der Durchforschung der Archive und privater Rückbehalte sowie der Befragung von Zeitzeugen sind unter Auswertung der zugänglichen Fachliteratur Zusammenhänge aufgedeckt worden, die bislang nicht bekannt waren. Daneben wurden auch Fotos beigebracht, die bisher unveröffentlicht geblieben sind. Insgesamt ist auf diese Weise in fast zweijähriger Ermittlungsarbeit ein Zeugnis besonderer Art aus der Gründerzeit der Bundesrepublik entstanden, das nicht nur dem fachlich Interessierten, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit neue Einblicke in eine spannende Phase bundesdeutscher Entwicklung bietet. Nicht zuletzt sollten, wie es der ehemalige Niedersächsische Justizminister Dr. Hans-Dieter Schwind in seinem Vorwort ausdrückt, „junge Polizeibeamte den Band zu Hand nehmen - auch um ihr Problembewusstsein zu fördern.“  

Arbeit ist als Erwerbsgrundlage und Quelle von Achtung und Selbstachtung, schon immer und überall ein zentrales Thema gewesen. Insoweit sind die hier untersuchten Ereignisse um den Hüttenstandort Salzgitter nur ein Beispiel unter vielen. Ebenso wenig neu ist, dass die Polizei bei gesellschaftlichen Phänomenen dieser Art auf den Plan gerufen wird - nicht, um in den Arbeitsprozess einzugreifen, sondern um des inneren Friedens willen, der Voraussetzung dafür ist, dass Arbeit überhaupt stattfinden kann. Ungewöhnlich allerdings war, dass die Polizeiführung trotz massiver Gesetzesbrüche damals nicht interveniert, sondern unter Inkaufnahme persönlicher Risiken eine Taktik vorweg genommen hat, die viele Jahre später vom Bundesverfassungsgericht anlässlich der sog. Brokdorf-Entscheidung  der Polizei mit der Maßgabe auferlegt  wurde, in solch außergewöhnlichen Lagen ein besonderes Maß an Besonnenheit zu wahren und „gegebenenfalls unter Bildung polizeifreier Räume“ zu agieren, wenn dadurch Schlimmeres verhütet werden kann.
Diese Form polizeilichen Einsatzverhaltens hat als „Deeskalationsstrategie“ Eingang in die Führungslehre der Polizei gefunden. Sie gibt der Polizei im Hinblick auf ihre friedensstiftende Funktion einerseits und den besonderen, „konstitutiven“ Rang der Versammlungsfreiheit andererseits auf, in bestimmten gewaltgeneigten Demonstrationslagen den einmal entstandenen Unfrieden nicht noch durch eigene Maßnahmen zu verschärfen und gleichsam „Gewehr bei Fuß“ zu verharren - eine für die Polizei und ihr Selbstverständnis höchst ungewöhnliche und bis heute auch nicht unumstrittene Einsatzleitlinie, die allerdings nicht bedeutet, dass sich die Polizei auf bloße Passivität zurückziehen dürfe: Sie hat in jedem Falle dann zu intervenieren, wenn die Lage bereits so weit eskaliert ist, dass Leben und Gesundheit von Menschen oder Sachwerte nicht nur unbedeutender Art auf dem Spiele stehen.

Preis: 11,80€